©Jürg C. Bächtold

  • Facebook Social Icon
  • Twitter Social Icon
  • Google+ Social Icon
  • YouTube Social  Icon
  • Pinterest Social Icon
  • Instagram Social Icon
Text von Willi Bürgi zum Feuerball        
 
Wochenlang arbeitete Jürg C. Bächtold auf dem Erli ob Uffikon. Der Künstler baute aus anderthalb Tonnen Ton eine Kugel von ungewohnten Ausmassen. Dabei entstand nicht einfach eine Vollplastik. Er schichtete Röhren über Röhren, verband sie mit der Aussenhaut der Kugel, nicht ohne zwischen den Tonröhren genügend Hohlraum zu lassen. Schliesslich mass die rohe Kugel einen Durchmesser von 1.70 m und wuchs zu einer Höhe von 1.40 m an. Sie brauchte Stützen, damit sie nicht spätestens beim Brand in sich zusammenbrach. Sie brauchte ein Dach, damit der Regen sie nicht aufweichte. Sie brauchte einen Ofen, damit sie auf 1300 Grad erhitzt werden konnte. Und das alles im Freien, mitten im Klee beim KKL Uffikon.
«Gespaltene Kugel» nennt Bächtold sein Werk Die Kräfte der Zerstörung, der Umwandlung, der steten Evolution sind in ihre Ästhetik einbezogen. Die vollkommene Form der Kugel wurde zerrissen, nicht erst durch das spätere Feuer, sondern bereits in der Vorstellung des Künstlers. Später, beim Brand durfte nichts dem Zufall überlassen werden. Der Bruch infolge zu schneller Austrocknung oder Überhitzung wäre die Katastrophe.
Das Bild des Offenen, der Entwicklung der Erde (Erde sowohl als Begriff für Ton wie für Erdglobus] ist für Bächtold zentral. Seine Kugel hat nichts Statisches, der Ton hat es nicht. Der Künstler verarbeitet die lange Geschichte der Erde immer mit, wenn er mit seinen Händen in die kühle Masse greift, sie formt, verändert.
Im Ton liegen Millionen Jahre Erdgeschichte begraben, von der Auftürmung der granitenen Berge über deren Abtragung in feinsten Spuren,

die über weite Strecken geschwemmt, mit organischen Materialien vermischt wurden, bis sie sich ablagerten, Schicht um Schicht. Erst viel, viel später stiessen Menschen auf diese Schichten, hoben sie, verarbeiteten sie zu Töpfen, zu Schrifttafeln, schliesslich zu Skulpturen.

Bächtold spricht von der «Information», die in den feinen Erden verborgen ist und die er mit seinen Kunstwerken weitergibt. Am stärksten wirken seine Arbeiten, wenn er nicht etwas darzustellen versucht, eine menschliche Figur etwa [obwohl er auch da eine grosse Eigenwilligkeit erreicht], sondern wenn er sich mit seinem Werkstoff Urformen annähert. Dem Kreis, der Kugel etwa schreibt er immer neue Aufwerfungen, neue Geschichten ein. Oder er entdeckt im Bach die spannende Form eines Kiesels, in Pflanzen die Durchdringung urtümlicher Flächen oder den fantastischen Absturz eines Bruchs.Sie regen ihn auf seinen ausgedehnten Wanderungen an, in seinen Studien vor Ort. Der 1945 in Schaffhausen geborene und in Emmen aufgewachsene Jürg Bächtold ist einen langen, weitgehend einsamen Weg zu seinem heutigen Kunstverstand und seiner heutigen Fertigkeit gegangen. Er hat Maschinenmechaniker gelernt und arbeitete danach in der Qualitätssicherung bei den Flugzeugwerken in Emmen.

Gleichzeitig widmete er sich immer auch der Arbeit mit dem Ton. Zwar besuchte er dafür keine Lehre und keine Kunstgewerbeschule.

Er erarbeitete sich alles selbst, auch seine erste Drehscheibe.

Er nahm einen Tisch, sägte eine Rondelle aus einer Novopanplatte, verstärkte sie aussen mit einem Blechband, goss die Platte bis zur Höhe des Bandes mit Zement aus.

Ins Zentrum der Rondelle setzte er eine Achse, montierte darauf die runde Tischplatte, auf die er eine Scheibe aus Kunststoff klebte, die er wiederum mit Zement vollgoss. «So erfand ich eine Fusskickscheibe und für mich das Prinzip des Drehens«, erinnert er sich. «Die Arbeit konnte beginnen. Ich hatte noch nie jemanden in Wirklichkeit drehen sehen, ausser im Film. Ich habe einfach probiert und probiert und probiert und den Ton noch einmal an die Wand geworfen und wieder abgekratzt.

Ich war wütend. Und irgendeinmal schaffte ich es. Die Zylinder wurden höher. Es gab Schalen, Teller, Tassen. Es funktionierte». Schliesslich kaufte er sich eine elektrische Drehscheibe und später in Hochdorf dann einen eigenen Ofen, den er aber selber aufbaute, weil er wissen wollte, wie das funktioniert. Er richtete ihn für Gas ein, weil die Atmosphäre im Gasofen sich besser kontrollieren lässt, was für die Glasuren, die er damals verwendete, wichtig war.

Irgendeinmal genügte ihm die reine Töpferarbeit nicht mehr. Er begann seine «Rohlinge» von Hand aufzubauen und stellte mehr und mehr Objekte her stattGebrauchswaren.1986 hatte er die erste Ausstellung in der ad hoc Galerie in Hochdorf und kam mit seinen Werken auf Anhieb an.

Je stärker Bächtold die Eigenheiten des Tons zur Wirkung bringt, umso einfacher sind seine gestalterischen Lösungen, umso präsenter, weil eigenwilliger die Werke.Die «gespaltene Kugel» auf dem Erli hat ihre volle Grosse erreicht. Sie gibt den Blick auf ihr Innenleben frei. Imposant leuchtet sie am Abend des

4. Septembers in die Nacht, glühend weiss, eine irdene Sonne.Vermutlich wurde in der Schweiz noch nie ein Steinzeugobjekt von dieser Grosse in einem Stück gebrannt. Der Künstler konstruierte den Ofen für den Brand gleich vor Ort, aus Rohren, Gittern, Keramikfasermatten, zehn Kubikmeter gross. Beheizt wird das Ganze mit zehn Gasbrennern ä rund 30 kWh, die während rund 24 Stunden behutsam dosiert Wärme produzieren. Der Brennvorgang fordert die Präsenz und Wachsamkeit des Künstlers während der ganzen Zeit, denn niemand weiss genau, ob ein derart grosses Werk ohne Lädierungen gebrannt werden kann. Zum Ende hin soll die Kugel 1300 Grad oder noch etwas mehr erreichen.

Die Arbeit mit dem Ton bleibt immer eine Gratwanderung, vor allem, wenn man wie Bächtold immer wieder Neues ausprobiert und nicht einfach Serien herstellt. Das letzte Wort hat dabei das Feuer.

Samstag, 4. September, ab 20 Uhr. Wiese vor dem KKL Uffikon. Es ist geplant, den Ofen zwischen 21 und 21.30 Uhr zu öffnen. Ein musikalisches Rahmenprogramm begleitet das Ereignis.

 

Willi Bürgi Redaktor, Sursee

Ab diesem Zeitpunkt war er in Galerien ein gefragter Mann.

Natürlich hat er dann doch den Meistern auf die Finger geschaut.

Er besuchte Friedrich Stachat in Fürstenwalde, Prof. Giovanni Cimatti in Faenza, Prof. Imre Schrammel in Budapest. Und er unterrichtete selber, gab und gibt seine Erfahrungen weiter in Kursen, war massgeblich beteiligt beim Aufbau der Töpferei im M-art-Haus in

Suhr, organisierte in seinem neuen Atelier in Willihof Workshops mit internationalen Grossen der Keramikszene, war Gastdozent in Zürich, im Tessin, in Kärnten und im Saarland. Die Liste seiner

Ausstellungen ist lang. Er wurde zu internationalen Wettbewerben in Zagreb, Faenza und Vallauris eingeladen.

1999 bezog er sein neues Atelier in Willihof. In einer grossen umgebauten Scheune hat er den Raum, der ihm Ruhe, Konzentration, aber auch grosszügiges Arbeiten ermöglicht. Angeschlossen an das Atelier verfügt er neuerdings über einen Ausstellungsraum, in dem seine Werke zur Geltung kommen können. Das gibt seinem Schaffensdrang Auftrieb. «Der Ton ist mein Leben. Er fasziniert mich», jubelt er. Ton muss nicht ein Werkmaterial für etwas sein. Ton ist ein Werkmaterial für sich. Entsprechend gilt es, ihn nach seinen Gesetzen zu handhaben und zu gestalten.

Bächtold hat viel Lehrgeld gezahlt, um diese Gesetze zu entdecken und er hat unermüdlich daran gearbeitet, die Ästhetik des Tons zu entwickeln. Es entstanden die rudimentären Formen, die nicht mehr Kunst und Künstlichkeit nachahmen wollen, sondern im Wortsinn autochthone Formen. Kugeln, die zerbersten, weil die Kraft aus ihnen ausbrechen will. Kreise und Halbkreise, in denen ganze Fächer untergeordneter Formen und Strukturen explodieren.